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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 7)

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Herstellung für den Markt, womöglich auf Vorrath, keineswegs nur für 
den eigenen Gebrauch, selbst dann nicht, wenn man dabei Einiges für 
den Verkauf an Andere erübrigen würde. ln diesem Sinne kann - um 
bei den vorhin gewählten Beispielen zu bleiben - weder die Thätigkeit 
der siebenbürgisch-sächsischen Hausfrau, noch diejenige der wallachischen 
Bäuerin als Hausindustrie bezeichnet werden, wohl aber diejenige des 
Vorarlberger Stickers. Selbst innerhalb dieses engeren Begriffs der Haus- 
industrie unterscheidet man noch zwei Phasen: eine primäre , die neben 
sich immerhin noch die Beschäftigung mit der Landwirthschaft verträgt, 
und eine secundäre, die ihren Träger ausschließlich in Anspruch nimmt, 
so dass sie von der Fabriksarbeit nur durch das Merkmal der Arbeit im 
eigenen oder Familienhause unterschieden wird: also eine decentralisirte 
Fabriksarbeit. 
Als was stellt sich nun die Thätigkeit der sächsischen und walla- 
chischen Bäuerinnen in Siebenbürgen dar? Volkswirthschaftlich genommen 
nimmt diese unter den menschlichen Erwerbsformen die unterste Stufe 
ein: die Statistiker pßegen sie als Hausfleiß zu bezeichnen. ln der 
That dient sie nur dazu, um die Stunden auszufüllen, die man sonst 
müßig gehen müsste. Die eigentliche Arbeitszeit dafür ist daher der 
Winter, da die Feldarbeit ruht und auch das Schaffen in Wohnhaus, 
Stall und Vorrathskammer geringeren Zeitaufwand erfordert. Auch der 
überwiegende Antheil der weiblichen Bevölkerung an dieser Art des Er- 
werbes ist als charakteristisch hervorzuheben, während in der vorarl- 
bergischen Rheinthalebene, wo man größtentheils bereits zur secundären 
Stufe der l-Iausindustrie fortgeschritten ist, das männliche Element den 
größeren Antheil daran hat. Diesem Hausfleiße gegenüber erscheint aber 
die Hausindustrie, wie wir sie vorhin definirt haben, als eine höhere 
Stufe der wirthschaftlichen Entwickelung, und dadurch gewinnen wir 
schon einen Anhaltspunkt für die historische Betrachtung und Beurthei- 
lung jener Dinge, die der gemeine Sprachgebrauch unter dem Sammel- 
namen einer textilen Hausindustrie zusammenfasst. 
Versuchen wir nun die Vertheilung der genannten Phasen textiler 
häuslicher Erwerbsthätigkeit innerhalb unserer Monarchie räumlich fest- 
zustellen. Um mit der diesseitigen Reichshälfte zu beginnen, lässt sich 
vor Allem sagen, dass unter der deutschen Bevölkerung der Hausfleiß 
nirgends mehr eine solche Rolle spielt, dass er Anspruch auf eine volks- 
wirthschaftliche Bedeutung erheben könnte. Der textile HausfleiB wird 
in unseren deutschen Gegenden heutzutage nur durch die Nadelarbeiten 
unserer Damen repräsentirt. Wie grundverschieden diese Art der Pro- 
duction von derjenigen ist, die seinerzeit bei uns diese Stelle einnahm, 
und beispielsweise in Siebenbürgen heute noch in Uebung steht, beweist 
schon die landläufige Bezeichnung dieser Stickerinnen in Mußestunden 
als wDilettantinnenu zum Unterschiede von den Stickerinnen von Beruf, 
während doch in früheren Zeiten auch bei uns jede Frau sich zum
	        

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