MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 6)

Elxc Kupfer. O! auf Leinwand, 90x71 cm. 
1910111. Zürich, Kunsthaus. Mit allem Raf- 
Iincmcnt ist dicses großartige Werk bis ins 
Letzte durchgearbeitet. Auch hier ist das 
Makubre, Krankhafte, als Zeichen der Zeit 
unbewußl erlebt und gestaltet, besonders be- 
lont. 
der erbarmungslose Enthüller und Deuter im Kampf mit dem 
Humanisten, dem Menschenfreund, dem Mensch-Gläubigen. Die 
Frage ist nicht schwer zu beantworten, welche der beiden Seelen 
in Kokoschkas Brust gesiegt hat . . . 
Im Sinne eines betonten Humanismus steht Kokosehkas Kunst 
letztlich eigentlich gegen die Zeit (vor 1914j18 war sie ihr vor- 
aus). Es ist kein Zufall, daß Kokoschka. sich seit den Dreißiger- 
jahren in immer stärkerem Ausmaß einer allegorischen Sprache 
bedient, um dem Menschen einen Spiegel seines Tuns und Trei- 
bens vorzuhalten („What we are fighting for," „Therm0pylen"). 
Es nimmt nicht wunder, daß daher das Spontane, „Getriebene", 
zutiefst Dämonische aus seinem Werk im Laufe der Entwick- 
lung zunehmend entschwindet. Auch im Porträt ist es so, dsll 
die Dargestellten nicht mehr Vehikel und Ausdrucksträger tic- 
ferer, wirkender Wahrheiten sind: Entweder handelt es sich um 
Allegorien (Porträt Masaryk), oder einfach um „schöne" Bilder 
von meisterlicher Hand. Immer seltener wird man unter den Mo- 
dellen der Zeit seit dem ersten Weltkrieg Literaten und Schau- 
spieler finden - heute sind es fast nur mehr reiche Schweizzr 
und Amerikaner, die sieh den Luxus eines Kokoschka-Porträts 
leisten können. 
Ist so Scheinbar in der Entwicklung des Künstlers ein Umschla- 
gen ins Gegenteil festzustellen, so gibt es eine n Faktor gran- 
dioser Kontinuität, der sein Gestern mit dem Heute verbindet: 
Wir meinen die Landschaften und Städtevcduten, in denen die 
Kunst Kokoschkns sich mit einem erstaunlichen Gleichmaß an 
malerischer und expressiver Qualität manifestiert. Kokoschka 
sieht die „Nntur" immer als Großstädter, es fehlt jene spontane 
Beziehung, die bei van Gogh bestand. Aber bei Kokoschka ist 
die Natur der Bergwclt (Dent du Midi, Courmayeur, Lac d'An- 
necy) in ihrer grandiosen Bewegtheit und Erregtheit ein Stück 
Kosmos, Zeichen jener Macht, die alles bewegt, an der jeder 
Pessimismus zerbricht. Seine Stadt-Landschaften sind in die Na- 
tur eingebettet, nehmen an ihrem Rhythmus teil, sind manch- 
mal - besonders in den hinreißenden Prager Veduten - wie 
ein Dankeshymnus und ein Bekenntnis zum Göttlichen. In ihnrn 
waltet der gleiche Geist, der einem Altdorfer den Pinsel führte 
und einen Bruegel die Folge der Monatsbilder schaffen ließ. Und 
wenn mit zunehmendem Alter auch manches Spannungsmoment 
fortfiillt, wenn die Kompositionen ruhiger, gleichsam stabiler 
werden, so mag dieser Wandel mit rein persönlich-menschlichen 
Entwieklungsmomenten zu erklären sein - die Grundgesinnung 
erfuhr keine Änderung. 
Wollen wir in einem Satz zusammenfassen, wer Kokoschka 
war und was er ist, so kommen wir etwa zur folgenden Formu- 
lierung: Einer der e r s te n Seher der modernen Zeit, einer ihrer 
le t z t e n großen Maler.
	        

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