MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 109)

Josef Hermann Stiegler 
TRANSM UTATION 
Beispiele von Ergebnissen werden vorgestellt, deren 
Ansatz in der Mitte zwischen Konstruktivismus im 
klassischen Verständnis und seiner gegenwärtigen 
Spätform gelegen ist, die etwas unscharf unter dem 
Begriff „kybernetische Kunst" subsumiert wird. 
Mitte bedeutet hier Synthese der Polaritäten Ge- 
staltung und Konstruktion oder - in anderer 
Nomenklatur s lntuition und Kalkulation. Die 
Problemstellung - hier auf die Graphik bezogen - 
ist zwar nicht neu, hat aber im Zusammenhang mit 
der „Computerkunsfß eines Teilgebietes der kyber- 
netischen Kunst, abermalige Aktualität erlangt. 
Bereits im „Bauhausbuch Nr.9" finden wir in 
Kandinskys Abhandlung „Punkt und Linie zu 
Fläche" folgende Stelle: ,Die aus systematischer 
Arbeit gewonnenen Fortschritte werden ein Ele- 
mentarwörterbuch ins Leben rufen, das in weiterer 
Entwicklung zu einer Grammatik führen wird. Sie 
werden schließlich zu einer Kompositionslehre 
führen, welche die Grenzen überschreitet und sie 
auf ,Die Kunst" im ganzen bezieht." Zugleich merkt 
Kandinsky an, daß die richtige Methode der An- 
wendung in einer Verbindung von Berechnung und 
lntuition bestehe. Setzen wir anstelle des Begriffes 
ilementarwörterbuch" das Wort "Zeichenreper- 
toire" und anstelle des Begriffes „Kompositions- 
lehre" das Wort .,Manipulationsrepertoire", so er- 
kennt man in der Formulierung Kandinskys nichts 
weniger als die seherische Vorwegnahme informa- 
tionsästhetischer Programmkunst; allerdings. wie 
mir scheint, mit einem entscheidenden Vorbehalt 
zugunsten Kandinskys: die moderne Schule der 
rationalen Ästhetik zielt schon von ihrer Theorie 
her auf einen technologisch-kalkulativen Puritanis- 
mus. der sich vehement gegen das Mitspiel der 
lntuition als einem irrationalen Faktum verwahrt. 
Diese Tendenz wurzelt in der Überzeugung, daß der 
schöpferische Prozeß restlos logisch formulierbar 
und damit technisch simulierbar sei. Das haben 
weder Kandinsky noch Klee geglaubt, und ein Ver- 
gleich ihrer Werke mit den Resultaten der rationalen 
Ästhetik unserer Zeit gibt ihnen recht. Die Einseitig- 
keit der Avantgarde, welche mit Computern und 
Oszillographen experimentiert. ist um so bedauer- 
licher, als ihre Pioniere mit der Einführung des 
Zufallsgenerators in die Kunst eine wirklich bedeu- 
tende Entdeckung gemacht haben und nun daran 
sind, deren mögliche Früchte durch ein dogmatisch 
bedingtes Mißverständnis der Stellenwerte ad 
absurdum zu führen. Worin dies Mißverständnis 
liegt, kann vice versa aus einem Satz von Eberhard 
Roters über Klee (.Konstruktive Tendenzen am 
Bauhaus", ex ..Konstruktive Kunst", Katalog Bien- 
nale 1969, Nürnberg) abgeleitet werden: „Klees 
Lehre ist kein festgefügter Katechismus 
eines theoretischen Systems, sondern 
eine bewußt offengelassene Anleitung 
zur Methodik bildnerischen Denkens." 
Darin liegt die Erkenntnis der Notwendigkeit gleich- 
gewichtiger Anteile rationaler und irrationaler Fak- 
toren zur Entstehung eines Kunstwerkes. 
lch habe mein (offenes) System graphischer Ge- 
staltung TRANSMUTATION genannt, weil dieses 
Wort nicht nur Umwandlung - im besonderen Fall 
von Zahlen in Gestalt - bedeutet, sondern als ein 
der Alchemie entlehnter Terminus die Transzendenz 
einschließt. 
Am Beginn meiner Arbeit stand das Erstaunen über 
die Tatsache, daß die Dezimalstellenfolge der 
Ludolfschen Zahl keinen Unterschied von einer 
rein zufälligen Verteilung aufweist, obwohl diese 
Zahl dem strengen Gesetz einer Unendlichen Reihe 
entspringt. Getrieben von der Neugier, wie dieses 
Unfaßbare aussieht, wenn es Gestalt annimmt, 
suchte ich nach einer Methode, bestimmte Mengen 
aufeinanderfolgender Dezimalstellen von Pi als 
Graphik anschaulich zu machen. Ich ordnete zu 
diesem Zweck den Ziffern des Dezimalsystems 
Gerade gleicher Länge zu, die sich nur durch die 
Winkel voneinander unterschieden, welche sie mit 
einer (gedachten) Bezugsgeraden einschließen. Die 
fortlaufende Verbindung solcher ..Pseudovektoren" 
TRANSMUTATION 1. Klasse 
1 Josef Hermann Slieglsl, Tnnzstudie, 1957. Slllllißhß 
Graphische Sammlung Alberlina, Wian 
2 Josaf Hermann Stieglar, „Konstruktion 2", Z-Seric, 1958 
3 Josef Hermann Sriegler, „Konstruktion 1", Z-Söria, 1958 
39
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.