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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 201 und 202)

Fundamente der Wissenschaft 
Zwei wichtige Neuerscheinungen 
zur Kunst vum 1900:: in Wien 
Otto Wagnerwar der Meinung, daß nur wder Baukünstler allein 
in seiner glücklichen Vereinigung von Idealismus und Realis- 
mus aus der Zweckform die Kunstlorm schaffen kannu. In einer 
Zeit wie der unseren. in welcher alle und jeder sich berufen füh- 
len, über Architektur - oder was sie darunter verstehen - 
möglichst wortreiche Meinungen abzugeben, sollte solch ein 
Satz doch zu denken geben. Dies umso mehr. als nun ein wichti- 
ges Buch innerhalb derbereits reichhaltigen Literatur überOtlo 
Wagner erschienen ist'. das an Hand von Fotos. zeitgenössi- 
schen Abbildungen, Beschreibungen und Entwurfszeichnun- 
gen die von Wagner geplanten und verwirklichten Innenräume 
und Einrichtungsgegenstände untersucht. Dazu werden außer- 
dem schriftliche Quellen wie Manuskripte. Briefe und Doku- 
rnentesowiebisherunpubliziarteTailedesWagner-Nachlasses 
verwendet, wodurch vielfach neue Zusammenhänge eröffnet 
und Beweislücken in der Wagner-Forschung geschlossen wer- 
den können. 
Paul Asenbaum und Reiner Zettl haben den Hauptteil des 
Buches erarbeitet: In einem Textteil von 23 Seiten inlormieren 
sie eingehend über vDie Möbeln, von denen Hauptbeispiele aul 
16 Farbtafeln vorgeführt werden; der anschließende vKatalogv 
beschreibtausfuhrlich Die Wohnung Heckscher, Die erste Villa 
Wagners. Das Wohnhaus Rennweg 3, Beispiele für die Innen- 
ausstattung der Wiener Stadtbahn, Die Vitrine der Firma Klin- 
kosch auf der Jubiläumsausstellung 1898. Die Wohnung Köst- 
lergasse 3. Die Pariser Weltausstellung 1900, Das Depe- 
schenbüro nDie Zeiti. Den Neubau der Österreichischen Post- 
sparkasse, Die Kirche Am Steinhoi, Die Wohnung Dübler- 
gasse 4, Den Zubau zur Postsparkasse und die zweite Villa Otto 
Wagners. Voangestellt sind ein Vorwort von Julius Posener, 
Peter Haikos instruktiver Beitrag iiOtto Wagners lnterieurs - 
Vom Glanz der franzdsischen Könige zur Ostentation der 
modernen Zweckmäßigkeitw und dann Herbert Lachmayrs 
Essay nModernität und Fortschritt bei Otto Wagnerl. 
Lachmayrkennzeichnetzwar.wasmirwenigsinnvollerscheint, 
die historislischen lnterieurs Wagners durch Zitate von Walter 
Benjamin und Adolf Loos, alsovon erklärten Gegnern des Histo- 
rismus. Trotzdem machen nicht nur Lachmayrs höchst lesens- 
werter Beitrag. sondern auch die anderen Texte und vor allem 
die subtile Forschungsarbeit von Paul Asenbaum und Reiner 
Zettl deutlich, daß es Otto Wagner primär um eine funktions- 
tüchtige, gestallerisch befriedigende Lüsung der Probleme 
ging. weniger um ökonomische oder soziale Erneuerungen, 
Auch iäßt Wagners späteres Verhalten zum Historismus wie 
zum Secessionismus ihn bei aller Heftigkeit seiner (in r-Die Bau- 
kunst unserer Zeitu vorgetragenen) theoretischen Ansprüche 
in der Praxis als einen eher vorsichtig Handelnden erkennen. 
Der Übergang vom Historismus zur Moderne, der sich beim 
lnterieur und bei den Gegenständen des täglichen Gebrauchs 
amunmittelbarstenvcllzieht,istinallenseinen Detailszuverfol- 
gen und macht das vorzüglich ausgestattete Werkzu einem tat- 
sächlichen Handbuch. 
Gustav Klimt galt und gilt vielen wie ein Leitbild. Seine Haltung 
als Künstler, als welcher er ohne jeden Kompromiß, ohne jede 
Konzession an den Allerweltsgeschmack sein Leben lebte. 
Künstlerschicksale gibl es in manchen Varianten. Klimt [SOOCH 
rnußte einen seltenen Weg gehen, der mit enthusiastischer 
Anerkennung durch die Öffentlichkeit begann und der dann den 
Bruch mit dieser Olfentlichkelt. das Unverständnis der höch- 
stenSchichlenwiederbreitesten Bevölkerung, zurFolge hatte. 
Zwar wäre es einmal sehr reizvoll. den künstlerischen Ge- 
schmack jener Gesellschaltsschichten des 20. Jahrhunderts 
zu untersuchen. die stets lauthals ihr Interesse für bildende 
Kunslbezeugen. Abereswareriln erster LinieKlimtsspäte Blät- 
ter, die zur Begründung seines Weltruhms als Zeichner beige- 
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