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Full text: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 10)

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Zeit vorauszueilen wie es später Josef tat, wollte sie doch nach ihrem Sinne 
und Verstehen ihrer Zeit ganz entsprechen. Nicht zu einem utopischen 
Glücke wollte sie ihre Völker bringen, aber sie bezwang sie durch das Glück, 
das aus ihrer eigenen Natur hervorstrahlte. Von außergewöhnlicher Klugheit 
und scharfem Verstande, trat sie doch an alles, was sie unternahm, mit 
dem Herzen heran, als Frau. Und was war sie für eine Frau: schön, impo- 
nierend, leuchtenden Auges, von höchster Anmut und Natürlichkeit, lebhaft, 
impulsiv, immer den richtigen Ton treffend, von reinster Güte und edelster 
Menschlichkeit. 
So streng die höiische Etikette war, auf deren Einhaltung Maria 
Theresia Gewicht legte, so oft setzte sie sich darüber hinweg, wenn das 
Gefühl sie dazu trieb. Gerade durch diese natürlichen Ausbrüche ihres 
starken Temperaments riß sie die Menschen am meisten hin. 
Sie kümmert sich um alles und jedes mit dem Verstande und dem 
Herzen einer Mutter. Das ist Maria Theresien-Stil im sittlichen, familiären 
Sinne, der alles erwärmt und durchdringt, auch die Kunst. Vom Bizarren, 
Virtuosen, Kunststückartigen hält sich das Wienerisch österreichische Rokoko 
fern. Es ist oft übermütig, aber nie frivol, kein kalter Prunk sondern Pracht, 
gepaart mit traulicher Wärme. Dieser familiäre Zug in der bildenden Kunst 
war naturgemäß am I-Iofe Friedrichs II., der kein Familienleben kannte, 
nicht zu finden. Wie wäre er möglich gewesen in Versailles, Trianon und 
Marly unter Ludwig XV.? Nur auf dem wienerischen Boden, unter dem 
Zepter einer so gefühlsstarken Frau wie Maria Theresia, die das auf dem 
 
Wandlisch aus dem kaiserlichen Lusrschloß Schönbrunn
	        
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