halb gewisser Schranken bleibt. Michel Angelo ist ihm bei aller Größe, die er zugibt, eine
unheimliche Erscheinung und ein Verhängnis für die spätere Kunst. In der Barocke sieht
er zuerst (im „Cicerone") eine Entartung und Verfall, nur ihre monumentale Baugesinnung,
die sich in der Großräumigkeit ihrer Kuppelkirchen und Paläste ausspricht, anerkennt er,
später wird er nachsichtiger und prophezeit ihr richtig eine zukünftige noch höhere
Schätzung. Und die Schwärmerei seines Alters war zuletzt ein Maler der Barocke. Ihm
verdankt die Kunstgeschichte auch die Konstatierung des Vorteils, der den Künstlern der
Antike, des Mittelalters und der Renaissance daraus erwuchs, daß sie nicht auf Originalität
ausgingen, sondern immer wieder denselben Vorwürfen neue Seiten abzugewinnen suchten.
Auch auf die Wichtigkeit des Materials und der Gesinnung der Besteller dürfte er zuerst
hingewiesen haben. Für die Kunst des XIX. Jahrhunderts, namentlich die ersten Erscheinungen
der Moderne, fehlte ihm das Organ und auch der gute Wille, sich um ihr Verständnis
zu bemühen. Nur wenn sie, wie bei Böcklin, in den Spuren der großen alten Meister wandelte,
hat er eine sparsame Anerkennung für sie.
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Es ist so nicht gar viel, was er an bleibenden Resultaten der Kunstgeschichte zugebracht
hat; das, was man seinerzeit als das Wichtigste ansah, seine Auffassung der Renaissance,
namentlich der außeritalienischen, wird schon längst bestritten, ja man hat von einem
„Gespenst derBurckhardtschen Renaissanceauffassung" sprechen dürfen, das einer richtigen
Würdigung der deutschen Renaissance im Wege steht." Was wir heute an seiner Kunstschriftstellerei
schätzen und, wie wir wenigstens glauben, immer als einen Reiz an ihr
empfinden werden, ist in der Tat etwas anderes. Zuerst die visionäre Kraft, mit der er die
Werke der Kunst anzudeuten versteht. Wir greifen auf Geratewohl aus der Fülle seiner
Bemerkungen über Bilder, wie sie sich zum Beispiel in dem Aufsatz über das italienische
Porträt ausgestreut finden, einige heraus: Aus Raffaels Castiglione im Louvre sprechen ihm
„leidensfähige Züge", aus Tizians Francesco della Rovere in den Uflizien „eine schreckliche
Wahrheit", an dem Herzog von Norfolk desselben Malers fällt der „unbeschreibliche, dem
Irrsinn nicht ganz ferne Blick" auf, ein Brustbild von Verrocchio in den Uflizien charakterisiert
er als „voll verschlossener Kraft und nicht ohne einen Zug von Kummer", der
Kardinal Poole des Sebastian dal Piombo ist ihm von wahrhaft königlichem Geblüt, ehrwürdig
in seinem Gram, einen Greis des Morone in Brescia als „von unendlicher Lebenserfahnmg";
ein bejahrter Mann von Antonello-da Messina in der Sammlung Trivulzi in
Mailand ist ihm „höchst merkwürdig durch den hinterhältigen Blick: eine Voraussicht oder
Absicht des Schlimmen, welche sich heute jedermann im Porträt verbieten würde", von dem
„rätselhaften" Herrn im Pelzrock des Parrneggianino in der Wiener Galerie, der soeben
durch eine Tür, an der eine Hellebarde lehnt, eingetreten ist, ergreift ihn der Gedanke,
ob der wohl durch diese Tür habe wieder hinausgehen dürfen. Aus den Antlitzen der am
Kalvarienberge eingeschlafenen Jünger des Herrn von Giotto liest er heraus, daß sie in
frommen Gedanken entschlummert sind, aus dem tiefernsten Ausdruck der vier Heiligen
auf der Disputa des Del Sarto im Palazzo Pitti, daB es sich in ihrem Gespräch um ein
Höchstes handelt; in der Madonna di Foligno hat ihm Ralfael „das Wunder vollbracht,
seinen Sigismondo Conti so zu den drei ekstatischen Heiligen zu stimmen, wie ein tiefergrilfener
armer Erdensohn zwischen höher beseelten Wesen erscheinen muß".
Zu dieser eigentümlichen Macht der Charakteristik kommt noch ein anderes. Schon aus
den gegebenen Beispielen spricht eine lebendige Teilnahme des Beschauers -_ es ist kein
Kritiker, der mit seinem Notizbuch in der Hand die Bilder mustert, er steht vor den Werken,
die er schildert, wie jener Sigismondo Conti zwischen den Heiligen, in tiefer innerer
Ergriffenheit. Es geht dann durch den in der Regel vorwaltenden Ton des überlegenen
kühlen Raisonneurs wie ein leises Vibrieren, das nach dem Zeugnis seiner Zuhörer auch
die Höhepunkte seiner Vorträge bezeichnet haben soll. Dies geschieht zumeist, wenn er
f H. Titze in den „Kunstgeschichtlichen Anzeigen" von Wickhoftj 1906, Nr. 4.