MAK

Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 10)

Eine „Art du feu", eine Ausstattungskunst voll Geschmack und Rafiinement scheint 
das, anregend für die Farben- und Beleuchtungsmischungen der modernen Szene. Virtuose 
Registerphantasie variiert Turnersche Lichtextasen, alle Erscheinungen werden in Farbe 
und Licht gelöst, die Städte mit ihren Brücken sind wie trunkene Nebelvisionen, vom 
Regenbogenschein überhaucht, und die Sonne hängt wie ein wabemder Dotter in dem 
wallenden Wolkengewebe. 
Die Niederländer dieser Gesellschaft haben kein sehr auffallendes oder besonderes 
Gepräge. Der Holländer Gerke Henkes ist ein Anekdotenerzähler. Schon die Unterschriften 
seiner Bilder: „Ruhe nach der Arbeit", „Eine gute Pfeife", „Eine interessante Geschichte" 
sagen deutlich, dal] ihn das Genrehafte mehr reizt als die malerische Darstellung. Nun 
kann ja beides sehr gut Zusammengehen, wie man bei Spitzweg fast immer und bei Kraus 
des öfteren sieht. Aber I-lenkes ist in seinen Wiedergaben der alten Fischer, der Klatsch- 
basen in der Haube und in seinen Interieurspiegelungen ohne Charakteristik; er gibt die 
typischen Motive, glatt vom Traditionsmarkt übernommen. Glatte Präparate, keine licht- 
und luftumspielten Phänomene sind es. 
Malerischer im Fühlen, Aufnehmen und Wiederspiegeln ist der Belgier Alphons 
van Beurden. Er hält Grachtenstriche mit Giebeln und ihrem tiächigen Wiederschein im 
Wasser fest, fleckige Rinder im Grün der Weide, Wintersonnentupfen im gelben Walde. 
Er malt ein Frühstück im Freien mit dem Farbenakzent des roten Rockes und er 
schreibt darunter: „Unser täglich Brot gib uns heute"; und in einer anderen Bibelspruch- 
Variation über das Thema: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen", 
stellt er in graugrünen Gobelintönen und in Flachstilisierung der Gestalten die mühselige 
Arbeit der Treckschuitenzieher dar, die am Ufer gebeugt schreiten, das Seil um den 
Nacken, und die trägen, breitstirnigen Kähne schleppen. 
Doch sind weder Motive noch Handschrift dieses Künstlers sehr persönlich. 
Für eine gewisse, sich jetzt stärker betonende Stilrichtung ist der in Rom lebende 
Karl Hofer ein deutsames Beispiel. Antikisierend scheint sie, aber mehr nach der primitiv- 
archaischen Seite als nach der klassizistischen. An Artur Volkmann, der ja gleichfalls in 
Rom lebt, und seine starren I-Ierbheiten denkt man. Und für beide hat Marrees gelebt. An 
Marrees erinnert sehr das Bild, das auf der rechtwinkligen Architektur des vertikalen auf- 
rechten Körpers zum liegenden horizontalen aufgebaut ist. Auch das Spröde und Strenge 
dieser nackten Menschenkörper ist Marreeschen Vorstellungen verschwistert. 
Es kommt dann aber ein merkwürdiges ethnographisches Moment hinzu. Der Jüngling, 
der auf der fernen Insel am Meeresstrand wandelt und mit einem Palmenblatt sich den 
Kopf vor der Sonne schützt, läßt an Gauguin und Tahiti denken. Man versteht wohl, wie 
künstlerischer Sinn aufs stärkste von der sich unvermischt charakteristisch und ausdrucks- 
stark manifestierenden Art und Erscheinung einer fremden Rasse gefesselt werden kann. 
Ein der Natur Sichnäherfühlen als sonst, wirkt hier in dem Empfänglichen. So nahm 
Peter Altenberg die Aschantis auf, so erfaßt Rodins Bildnersinn die Gliedersprache der 
Tänzerinnen von Birma. So stark ist freilich das Ethnographische bei Hofer nicht betont, 
er gibt mehr das Bild des vegetativen Lebens, Vorstellung der „glücklichen Insel", Himmel, 
Erde, Meer, und den Elementen nah der Mensch, jung, nackt, natürlich. Und aus solchen 
Vorstellungskreisen läßt sich noch eine Beziehung finden, nämlich zu den Bildern des 
Schweizers I-Iodler. Das Innerlich-Selbsterlebte kommt bei Hofers Arbeiten aber nicht sehr 
zwingend heraus. Bedenklich stimmt sogar seine Mars- und Venusgruppe. Daß Mars hier im 
Gesichtsschnitt und in der pagodenförmigen Hauptbedachung als Chinese frisiert ist, kann 
durch keine künstlerische Motivierung erklärt werden. Es wirkt als ein bewußter Kurio- 
sitätseffekt. 
Den Abschluß der malerischen Internationale macht ein Russe und ein Finne. 
Der Russe ist Leonid Pasternack. Man sieht zuerst von ihm Zeichnungen, Illustrationen 
von Tolstois Auferstehung und von seinen kleineren parabolischen Erzählungen. Die sind 
nicht sehr tiefgeschöpft. Es ist die flinke Zeichenstiftrnache eines Allers-Skizzenbuches, die
	        

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