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Volltext: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 12)

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verwertet. Sie alle, die uns 
diese mystische Auffassung 
in Werken der Kunst und 
in der Literatur überlieferten, 
waren gleichmäßig von der 
Phantasie ihrer Nation ge- 
tragenundbeeinfiußLzehrten 
und lebten von demselben 
Gut, der durch höher zurück- 
Aus der Klagenfuner Handschrift des jüngeren deutschen liegende Elemente befruch- 
Physiologus. Um 1309 teten Einbildungskraft des 
Volkes. Diese Einbildungs- 
elemente bezog die Volksseele des Mittelalters in unserem Fall von zwei 
ähnlichen Quellen, dem Physiologus der Deutschen und den Bestiaeres der 
Franzosen. 
Der Physiologus, eine in frühchristlicher Zeit in Alexandrien entstandene 
hellenistisch-ägyptische religiöse Schrift - eine Auswahl von meist fabel- 
haften Eigenschaften wirklich existierender oder der Fabel angehörender 
Tiere mit angefügten mystischen und moralischen Auslegungen - erfreute 
sich durch das ganze Mittelalter hindurch einer ungemein großen Ver- 
breitung. Das Einhorn lernen wir im Physiologus als indisches Tier kennen: 
Es sei unbezwingbar und lasse sich von Jägern nur durch eine reine Jung- 
frau fangen. Beim Anblick einer solchen bleibe das sonst so ungemein 
flüchtige Tier erstaunt stehen und der Jäger könne es leicht erreichen. 
Öffnet ihm die Jungfrau den Schoß, so schlafe es sanft darin ein. Dies 
bezeichnet, daß Christus, mächtiger als alle himmlischen Mächte, in den 
Schoß der seligsten Jungfrau Maria herabkam, um Menschheit anzunehmen. 
Zwei Übersetzungen des Physiologus existieren in deutscher Sprache. Die 
ältere aus dem XI. Jahrhundert ist uns in einer Wiener Handschrift unvoll- 
ständig überliefert; die jüngere, vor der Mitte des XII. Jahrhunderts auf 
österreichischem Boden entstanden, dagegen vollständig erhalten. Die ältere 
geistliche Literatur und die Poesie benützten den Physiologus ungemein. In 
Heinrichs Litanei wird Christus mit dem Einhorn verglichen: Er habe, so 
wie dieses, seine Liebe zur Jungfrauschaft gezeigt, indem er von einer 
wahren Jungfrau den menschlichen Körper an sich nahm - wie das Ein- 
horn sich nur einer reinen Jungfrau ergibt. Auch Wolfram von Eschenbach 
kennt die Erzählungen über das Einhorn. Er sagt: 
 
„Ein tier heiszt monicirus 
daz erkennt der meide rein so groz 
daz er Haefet uf der meide schoz." 
Die höfische Epik schloß sich im Mittelalter durch. die Behandlung 
religiöser und kirchlicher Stoffe an frühere Dichtungen der Geistlichen an; 
nur wurden diese Stoffe mit freierem Geist behandelt. Nicht ausschließlich
	        

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