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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 7)

der griechischen Ranke zu entdecken. In der griechischen Kunst ist aber 
die Ranke von Anbeginn in einer für alle folgenden Zeiten typischen 
Gestalt vorhanden: Zu Mykenä treffen wir schon in den Schachtgräbern 
die fortlaufende sowie die intermittirende Wellenranke, d. i. die zwei in 
der orientalischen Teppichornamentik weitaus am häufigsten wiederkeh- 
renden Bordürenmotive. In hellenistischer Zeit überzieht die Ranke in 
freiem Schwunge, aber in regelmäßigem Zusammenschlusse bereits ganze 
Flächen; genau dasselbe, was das Charakteristische der persischen Teppich- 
Rankenornamentik ausmacht. 
Das hieraus folgende Ergebniss ist ein so zwingendes, dass nur 
derjenige es negiren kann, der entweder annimmt, dass in der alt- 
orientalischen Zeit die anderweitig nicht nachweisbare Rankenornamentik 
an den in Denkmälern nicht erhaltenen Teppichen dennoch im Ge- 
brauch gewesen istg, für welche Annahme sich nicht einmal technisch- 
materielle Gründe in's Feld führen lassen, oder der glaubt, dass die Inspi- 
rationen des Islam oder die Berührung der Syrer, Aegypter, Perser u. s. w. 
mit den Arabern im Mittelalter diese Ornamentik gleichmäßig überall im 
ganzen Orient aus dem Nichts hervorgerufen haben. Wer sich aber von 
den herrschenden Vorurtheilen freizumachen weiß und den für andere 
Gebiete menschlichen SchaEens widerspruchslos geltenden Satz, dass die 
schwächere Cultur vor der stärkeren zurückweichen muss und ein jedes 
Volk auf den Schultern eines andern emporsteigt, auch für die Geschichte 
des Kunstschaßens gelten lässt, der wird nicht einen Augenblick länger 
zweifeln können, dass die Rankenornamentik der orientalischen Teppiche 
in der hellenistischen Zeit, der Zeit des Culturaustausches und Cultur- 
ausgleiches zwischen Orient und Occident, im Osten ihren Einzug ge- 
halten hat. Von einzelnen Motiven lässt es sich heute schon beweisen, 
und eine gründlichere Erforschung der bezüglichen Denkmäler wird es 
zur durchgängigen Evidenz erhärten, dass die orientalische Kunst der 
römischen Kaiserzeit und des frühesten Mittelalters unmittelbar mit der 
hellenistischen, und zum weitaus geringeren Grade mit der römischen zu- 
sammenhängt, was übrigens schon vor nahezu dreißig Jahren der scharf- 
sichtige Marquis de Vogüe auf Grund seiner Untersuchungen über die 
centralsyrischen und ierusalemitanischen Denkmäler klar eingesehen und 
ausgesprochen hat. Das Gleiche gilt ja fast in demselben Ausmaße auch 
von der byzantinischen Kunst, die man heute noch immer mit ewig un- 
fruchtbarer Consequenz auf einen Isolirschemel stellt, als ein in sich ab- 
geschlossenes fertiges Product betrachtet, anstatt die Frage darauf zu 
Fichten: was ist an der byzantinischen Kunst römisch, was local-helle- 
nistisch, was Neubildung etwa vom 5. Jahrhundert ab? 
Die an den orientalischen Teppichen zur Verwendung gebrachte 
Ranke wäre somit im letzten Grunde griechischen Ursprungs. Lässt sich 
aber die Ranke nicht auch außerhalb des geschlossenen Kreises der 
Mittelmeerkunst nachweisen? ln der That begegnen wir ihr auch innerhalb
	        

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