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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVI (1881 / 192)

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überreicht wurden, und welche alle dringendst um die Einrichtung und Pflege von gewerb- 
lichen Anstalten ansuchten, keine Berücksichtigung zu Theil wurde. 
Ich werde indessen nicht die Frage der Errichtung neuer gewerblicher Fachschulen 
in's Auge fassen, sondern auf den Boden des Bestehenden mich stellen, und da ünde ich 
denn. dass für dieselben wahrhaft stiefmütterlich gesorgt wurde, und dass in Folge der 
Mangel und Unzukbrnmlichkeiten derselben, welche zumeist sowohl in materiell-ökonomischer, 
als in administrativer Beziehung, wie endlich in padagogisch-didactischer Beziehung bei 
allen Schulen zugleich zutreffen, nicht nur "der Bestand dieser Schulen gefahrdet ist, 
sondern dass viele dieser Schulen geradezu der Auflösung entgegen- 
ehen. 
g Was die Fürsorge für die materiell-ökonomische Ausstattung dieser Schulen betrifft, 
ist sie gewiss unzureichend. Betrachten wir nur die Besoldungen der einzelnen Lehrkräfte. 
Mit wenigen Ausnahmen einiger Bevorzugter, variiren die Zahlungen zwischen 6oo bis 
tooo il. und bitte ich zu berücksichtigen, welche Anforderungen an die Lehrkräfte der 
gewerblichen Bildungsanstalten nicht nur gestellt werden, sondern mit Recht gestellt 
werden müssen. 
Es sind dies nicht nur Anforderungen pädagogischer Natur, sondern insbesondere 
auch gewerblicher und merkantiler Fachbildung. Es ist dies gewiss eine Summe von 
pldagogischer Bildung, manueller Fertigkeiten, technischen Wissens und merkantiler und 
gewerblicher Fachbildung, die gewiss nicht so leicht erzielt werden kann. 
Erwagt man noch die socialen Existenzbedingungen und die Zahlungen, wie sie 
bereitwilligst von Seite der Fabriksetablissements verwendbaren Kräften zu Theil werden, 
so erhebt sich die Fra e und Befürchtung, wie lange wir für solche Zahlungen noch die 
geeigneten Lehrkräfte nden, und es liegt die Gefahr nahe, dass die bcwährtesten Kräfte 
in Folge des unabsehbaren Provisoriutns, ohne Vertrauen in die endliche Stabilisirung 
ihrer Bezüge sich diesem Berufe abwenden und lohnenderem zuwenden, wodurch rnan zu 
Kräften greifen muss, die ihrer Aufgabe nicht zu entsprechen vermögen, wodurch ja die 
Existenzbedingung dieser Schulen entfällt, aber nicht nur für die Dotirung und sociale 
Stellung der Lehrkräfte ist nicht ausreichend gesorgt, sondern auch für die erforderliche 
Zahl derselben mit Rücksicht auf die Zahl der bestehenden Schulen. 
So finden wir Anstalten, wo nur ein Lehrer existirt, dem auch die ökonomische 
und administrative Leitung der Schule zugewiesen ist. Was soll nun mit der Schule und 
den Schülern werden, wenn ein derartiger Fachlehrer, der zugleich ökonomischer Leiter 
und Administrator ist, erkranltt, oder in Folge anderer Verhältnisse seinem Berufe nicht 
entsprechen kann, ohne dass für seine Substituirung in Folge Mangel an Lehrkräften 
gesorgt werden konnte? Auch Gnden wir Schulen, wo einzelnen Fachlehrern, 30, 40, 50 
Schüler zugewiesen sind. Wie ist bei solchen Verhaltnissen ein individueller Unterricht. 
eine individuelle Unterweisung - das Grundprincip der praktischen Lehrwerkstatte - 
durchführbar? 
Nicht minder unzureichend ist für die Ausstattung dieser Schulen an Lehrmitteln, 
Werkzeugen - Uebungsmaterials, des Kanzleibedarfes gar nicht zu denken- gesorgt. - 
Bei den meisten dieser Schulen finden wir für die Lehrmittel jährlich 35 B. praliminirt, 
ungeachtet die meisten Schulen den größten Mangel an Lehrmitteln haben und seit ihrem 
Bestand: an diesem Uebel leiden. 
Nicht besser, wo möglich noch unbefriedigender ist für die Ausstattung mit 
Werkzeugen gesorgt. So finden wir bei den meisten Schulen 40 bis too H. praliminirt. 
Nun dürfte es aber doch selbst dem Laien einleuchtend sein, dass bei einer gewerblichen 
Fachschulc der Gebrauch des Werkzeuges, die richtige Verwendung, die Kenntniss der 
Leistungsflhigkeil derselben bei den Fortschritten der Technologie und bei den auf diesem 
Gebiete sich dringenden Erfindungen doch zu einer der Hauptaufgaben der gewerblichen 
Fachschulen gehört und sorgsam zu pßegen waren. 
Betrachten wir endlich das für die einzelnen Schulen präliminirte Uebungsmaterial, 
so finden wir gleichfalls durchschnittlich den stereotypen Betrag von 35 G. lch erlaube 
mir nun, auf eine Schule hinzuweisen, die sub 50 bezeichnete, welche eine der bedeutendsten 
dieser Schulen ist und an 80 Schüler zahlt, welche zum großen Theil an dem Modellir- 
unterrichte, insgesammt aber an dem Unterrichte in den einzelnen Lehrwerkstattcn für 
Kunstdreherei, Holzschnitzerei und Tischlerei theilnehmen, und an welcher Schule der 
monatliche Bedarf an verbrauchtem weiter nicht mehr zu verwendenden Uebungsmaterial 
den für ein ganzes Jahr praliminirten Betrag übersteigt. Da aber der Bedarf an Uebungs- 
material, Werkzeugen, Lehrmitteln aller Art doch von der Leitung herbeigeschatft werden 
muss, wenn die Schulzwecke darunter nicht leiden sollen, so ünden sich die einzelnen 
Fachleiter je nach ihrer Findigkeit veranlasst, in einer gewiss der Staatsverwaltung nicht 
würdigen Weile, diese Kosten entweder auf Rechnung der Fachschulfreunde, oder auf 
Rechnung der den einzelnen leistungsfähigeren Schülern zuzuweisenden Remunerationen 
und Entlohnungen, oder auf Rechnung der Soliditat der Erzeugnisse zu decken. Dass 
derartige Verhältnisse für die Dauer nicht haltbar sind, ergibt sich wohl von selbst.
	        

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