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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 3)

gemeinhin „die Moderne" nennt, zum Abschluß kam und auch 
durch irgendwelchen Exhihitionismus nicht mehr in Gang gesetzt 
oder gar gesteigert werden kann. Zwar strebt man einerseits 
von der Explosion (Pollock, Vedova, Moreni) und andererseits 
von einem morbiden Raffinement her (Burri, Tapies, Millares) 
derartige Steigerungen an, aber eine Schule und Epoche ma- 
chende Angelegenheit dürfte das kaum mehr sein. Die großen 
Entdeckungen und Gestaltanbahnungen der Moderne scheinen 
vielmehr wirklich der Geschichte anzugehören, sodaß es heute 
darum geht, sie nicht etwa um „neue" grundlegende Aspekte 
und Möglichkeiten zu erweitern, sondern darum, das gewonnene 
Terrain zu einer echten Position auszubauen. 
Es ist daher kein Zufall, daß man erstens unter dem Nachwuchs 
so viele muntere Epigonen trifft, Leute also, die sich aus den 
„Errungenschaften" der Moderne brauchbare Effekte heraus- 
geschnitten haben, um sie zu modischen Arrangements zu „kom- 
portieren"; daß zweitens viele andere nicht mehr recht weiter 
wissen aus dem Gefühl heraus, daß eigentlich alles schon wgctnn" 
sei - besonders Picasso ist da wie eine lähmende „Vorwegnahme" 
und fast dem Igel im Wettlauf mit dem Hasen gleich, der immer 
sagen kann: „Ich bin schon da" - und daß drittens die Ent- 
schlossenen und Entschiedenen unter den jungen sich um neue 
Gründe ihres bildnerisehen Tuns bemühen. Sie schielen gar nicht 
mehr nach der Moderne, sondern sie erobern sich die Welt, ihr 
Verhältnis zu ihr und schließlich auch ihr Formtum völlig neu. 
 
Johannes Avramitlis: 
Figur, Gips, 1956. 
Avramidis hat mit dieser fast 
lebensgroßen Figur, die den aus 
Gips geformten Körper um ein 
Blcidrahtgerüst herum errichtet 
zeigt, die gültige Form für einen 
Rumpf zu bilden und darzustellen 
unternommen. Verjüngung und 
Verdickung. die Ausdehnung nach 
oben und nach den Seiten erwei- 
sen sich von ihren gleichsam kon- 
trollierten Maßen her geordnet 
und so im Sinne ihres lebendigen 
Rhythmus zur Gestalt entwickelt. 
 
Jnhannes Avrnmidis: 
Drei Figuren, Tenipera. 
Diese auf ein äußer sparsames und ver- 
haltenes Beutegningshild reduzierte, aber 
gerade hierdurch in Haltung und Spannung 
teigerte Figurengruppe ist typisch für 
dieGc tltungsivrise Avramidis", die niemals 
iut" wird, sondern immer nur dem Leisen 
nen hildnerischcn Platz in der Stille ein- 
aumen strebt. Die Kurvatur der drei 
rper und ihrer Glieder wird nur durch 
kaum merkliche "Bögen" nach innen oder 
nach außen angedeutet. 
 
 
 
 
 
 
johannes Avramidis: 
FWJeibliche Figur". Bronze, 
1953. 
Diese Figur, die einem ur- 
alten Fruchtbcirkeitssymbol 
verwandt erscheint. ist in 
der Vertikale aus sich 
gleichsam {übereinander 1c! 
gcnden Muskelringen auf- 
gebaut. Diese Ringe aber 
treiben den Körper auch in 
der Horizontale und in ihr 
Volumen vor. Doch scheint 
hier mehr ein Prinzip be! 
legt als schon ein: wirk- 
liche Form erreicht zu sein. 
Sie kehren also keineswegs zur früheren bildnerischen Spiege- 
lung des Augcnschcins zurü k, weil sie der Oberfläche und eben 
den bloß optischen Reizen gründlich mißlraucn lernten. Sie trci- 
hen aber auch keine mehr oder minder abstrakte, also unding- 
liche liormtilasthetik mehr, weil sie von deren Effektifheater 
genau so wenig halten. Sie wollen das hervorbringen, was man 
vielleicht das Wahrbild der Dinge nennen könnte, um das es 
eigentlich auch schon (lezanne und später den Kubisten ging, 
wenn letztere vielleicht auch noch einen Umweg machten oder 
sich gleichsam in ihrem Methodennetz verfingen. 
Einer von diesen jungen scheint der Bildhauer und Maler jo- 
hannes Avramidis zu sein, der kürzlich in der Galerie Würthlc 
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