MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 109)

TRANSMUTATION Z. Klasse 
4 Josef Hermann Stiegler, „Wohnen im Feuer", London- 
Serie 4, 1968 
5 Josef Hermann Stieglor, „Kampf", London-Serie 5, 1968 
 
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ergibt dann eine von der Ziffernfolge bestimmte 
Gestalt. Hiebei mußte ein Eindeutigkeitsproblem 
gelöst werden, dessen Darlegung diesen Rahmen 
überschritte. Zu meiner Überraschung erhielt ich 
unter 12 Detailhildern aus den ersten 220 Dezimal- 
stellen von Pi mehr als die Hälfte ansprechender 
Graphiken. Aus informationsästhetisch leicht erklär- 
baren Gründen sind diesem einfachen Verfahren 
jedoch engere Grenzen hinsichtlich seiner ästhe- 
tischen Ergiebigkeit gesetzt, als der unendliche 
Ansatz bei oberflächlicher Einschätzung verspräche. 
Schon in diesem ersten Stadium der Transmutation 
zeichneten sich drei Gesetze ab, die auch in der 
Weiterentwicklung des Systems gültig blieben und 
zugleich den Mechanismus für ein intuitives Ge- 
statten offenhielten: 
1 Die jeweils resultierenden Gestalten sind nach 
subjektiven Kriterien zu qualifizieren und dem- 
entsprechend zu bewahren oder zu verwerfen, 
2 sie sind in extremer Weise von ihrer Winkellage 
im Bildfeld abhängig und deshalb nach subjektivem 
Ermessen zu orientieren, 
3 sie neigen durchwegs dazu, mit anderen Gestal- 
ten gleicher systematischer Herkunft in ein ebenso 
evidentes wie diffiziles Spannungsverhältnis zu 
treten, soferne sie entsprechend orientiert und 
placiert werden. 
Die Ursache ist, daß diese Gestalten ausschließlich 
aus ganzzahligen Vielfachen eines ..Element- 
winkels" bestehen und daß die möglichen Strecken- 
längen ebenfalls nur ganzzahlige Vielfache einer 
jlementarlänge" sein können. Ein künstlerischer 
Fortschritt war nur von der stufenweisen Entwick- 
lung von Gestaltstrukturen höherer individueller 
Qualität aus den Elementarformen zu erwarten. Ich 
ging deshalb dazu über, mit echten Zufallszahlen 
aus mehreren Zahlensystemen parallel zu arbeiten. 
Neben dem bereits geschaffenen Pseudovektoren- 
system für das Dezimalsystem entwickelte ich auch 
noch Winkelumsetzer (Convertoren) fürdas Zwölfer- 
und Fünfzehnersystem. Ferner konstruierte ich 
einen eigenen Zufallsgenerator, der auf einfache 
Weise imstande ist. Zufallszahlen aus sämtlichen 
Zahlensystemen zu liefern. Nun erzeugte ich be- 
stimmte Zufallszahlenmengen aus allen drei Syste- 
men und transmutierte sie mit den für diese Systeme 
vorgesehenen Convertoren ("Ortho-Transmuta- 
tion"). Die resultierenden Gestalten („Ketten") 
orientierte und konstellierte ich nach subjektivem 
ästhetischem Ermessen. Beispiele solcher Ortho- 
Transmutationen sind die Graphiken „Tanzstudie" 
(Besitz Albertina), ,.Komposition 1" und "Kom- 
position 2". 
Eine Erweiterung der Möglichkeiten gelang durch 
die Findung der „Phasentransmutation" und beson- 
ders durch deren Verbindung mit dem „Trigon- 
kettenphasenverfahren". 
Transmutiert man Zahlen nicht nur mit dem für das 
System bestimmten Convertor, sondern auch mit 
den Convertoren der fremden Zahlensysteme, so 
erhält man 3 "Ketten", die in einer phasenartigen 
Gestaltbeziehung stehen. Man kann sie sowohl 
frei konstellieren als auch miteinander verknüpfen. 
Bei der Graphik „Wohnen im Feuer" wurde von 
beiden Möglichkeiten Gebrauch gemacht. Die 
Graphik ,Kampf" besteht aus zwei Trigonphasen- 
ketten aus Zufallszahlen des Dezimal- und des 
Duodezimalsystems. Auf einem andern Weg, den 
ich „Matrizentransmutation" nenne, erhält man Ge- 
stalten, deren Wesen im stufenweisen Umbau einer 
Grundfigur liegt. Verknüpfungen ergeben Kon- 
figurationen höherer Ordnungsstufe (Graphiken 
"Triptychon" und nSchmetterling"). 
Ich habe nur jenen Graphiken semantische Titel 
gegeben, die nicht im Gegensatz zu gegenständlich" 
abstrakt sind, sondern im Sinne der Sublimierung 
eines Gegenstandes bis zu dessen spiritueller Essenz, 
wie dies zum Beispiel beim „Negerboxer" von 
Matisse der Fall ist'. 
Die ästhetischen Werturteile über den Konstruk- 
tivismus und besonders über seine gegenwärtige 
informationsästhetische Ausprägung sollten - im 
Gegensatz zu aktuellen Tendenzen a nicht nach 
dem programmatischen System orientiert werden, 
das einem Bilde zugrunde liegt. interessante "Mach- 
art" allein rechtfertigt nicht belanglose Resultate. 
Maßstab bleibt der Grad der Vollkommenheit des 
Zusammenwirkens von Ratio und Unbewußtem.
	        

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