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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1873 / 91)

zweitens die Unterstützung der eigenen Kraft zur Erreichung bestimmter 
Ziele mit Werkzeugen, die er sich mit grossem Scharfsinne zu wählen weiss. 
Welches dieser beiden Entwicklungsmomente nun früher in den 
Vordergrund trat, wissen wir nicht; nach den so vorzüglichen Unter- 
suchungen, welche Lazar Geiger angestellt hat, um zu beweisen, dass 
das Werkzeug in Anwendung kam, bevor der Mensch noch eine Sprache 
besass, scheint jedoch diese Annnahme nicht ungerechtfertigt. 
Wie dem auch sei, jedenfalls führten die Untersuchungen, die an 
Werkzeugen und anderen vom Menschen bearbeiteten Gegenständen über 
das Alter seines Geschlechtes angestellt wurden, auf ihn selbst, und wir 
können daher sagen, dass wir den Menschen ohne Werkzeuge weder in 
den diluvialen Erdschichten, noch auch in dem Urzustande vorgefunden 
haben, in welchem er in einigen Theilen der Erde sich noch heute beob- 
achten lässt. 
Schon diese ersten Werkzeuge lassen uns auf eine sehr richtige 
Ueberlegung und wohlbedachte Wahl schliessen, weil wir, selbst bei aller 
Erfahrung, die wir heute besitzen, in ganz analogen Fällen kaum eine 
andere getroffen hätten, und die Folgerichtigkeit dieses Wählens, die lo- 
gische Art der Anwendung ermöglicht es uns, heute in jenen Urzustand 
zurückblicken und uns die Verfertigung sowie die Verwendung jener 
Werkzeuge vorstellen zu können. 
Allerdings werden wir in diesen Untersuchungen durch die Ver- 
gleiche unterstützt, welche uns in der Lebensweise von Naturvölkern ge- 
boten werden, die sich noch auf einer ähnlichen Culturstufe befinden. 
Unzweifelhaft eignet sich der Feuerstein, den wir zuerst als Werk- 
zeug sehen, unter allen Naturproducten so vortreßlich zu technischen 
Verrichtungen, dass wir ihn noch heute wählen würden, wenn uns keines 
der Hilfsmittel zu Gebote stünde, welche die Civilisation an die Hand gab. 
Wo immer dieser Feuerstein oder ein ähnliches sprödes, hartes Ge- 
stein - wie Jaspis, Nephrit oder Obsidian - dem Menschen zur Ver- 
fügung stand, und wo immer wir seine Spur verfolgen konnten, hat er 
sich auch wirklich dieses trelflichen Materials bedient, um seine Werk- 
zeuge daraus zu schlagen. 
Die ältesten Funde in Europa, die im nördlichen Frankreich, in 
Belgien sowie in England, weisen derartige FeuersteinwaEen als Belege 
der ersten Industrie-Thiitigkeit auf, und es ist charakteristisch, dass die 
Lagerstätten dieses Materiales auch vorwiegend zu Ansiedelungsplätzen 
gedient haben. 
Dies geht zur Genüge daraus hervor, dass wir in ihrer Nähe die 
grösste Anzahl ähnlicher Entdeckungen gemacht. Doch nicht in Europa 
allein, auch in Aegyptcn, dem ältesten Culturlande, wo die Natur dieses 
Materiale in reichstem Masse dem Menschen zur Verfügung stellte, finden 
sich ähnliche Verhältnisse, die auf ein sehr hohes Alter seiner mensch- 
lichen Bewolinung hindeuten.
	        

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