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Man kann den Künstler nicht in vollem Masse für die letztere aus-
bilden, ohne ihn gleichzeitig bis zu einem gewissen Grade den Weg der
hohen Kunst zu fuhren. Die Kunstgewerbescbnle muss demnach Archi-
tektur, Plastik und Malerei lehren, nicht blos zu dem Zwecke, um ge-
schickte Ornamentisten, Tapeten- und Musterzeichner u. s. f., sondern um
wahre Künstler zu bilden, soweit das Gewerbe ihrer bedarf.
Dies ist das Hauptmoment, in welchem die ganze Organisation der
Kunstgewerbeschule ihren Angelpunkt finden muss.
Die Kunstgewerbeschule wird so bis zu einem gewissen Punkte den-
selben Weg nehmen müssen, den der Unterricht an der Akademie der
bildenden Künste verfolgt. Auch sie wird ihre Schüler durch das Studium
der Antike und des Actes hindurchführen müssen, in der Zeichnung wie
in der Modellirung, und den Schülern selbstständige {igürliche Aufgaben
stellen. Die Kunstgewerbeschnle an die Akademie anzulehnen, würde
sich aber, ganz abgesehen von den Statuten der letztem, welche eine solche
Verbindung perhorresciren, schon aus dem Grunde nicht empfehlen, weil
der Unterschied zwischen hoher und gewerblicher Kunst, so wenig er in
der Natur der Sache begründet ist, thatsächlich doch besteht und nicht
übersehen werden kann. Die thatsächliehe Verbindung würde beiden
Theilen, namentlich aber der Kunstgewerbeschule, gewiss zum Nachtheile
gereichen. Neben der hohen Kunstschule würde die industrielle Kunst-
schule stets nur als eine Nebenschule, als ein Anhängsel betrachtet wer-
den, und eine ähnliche Rolle spielen, wie bisher die Gewerbezeichensebulo
im polytechnischen Institute.
Ausser dem Grundsatze der Verbindung der hohen Kunst mit der
industriellen Kunst, muss also auch derjenige festgehalten werden, dass
die Selbstständigkeit dieser Anstalt, gegenüber jeder anderen Schule, eine
Bedingung ihres Gedeihens ist.
In die Details der Einrichtung der Kunstgewerbeschule soll bei den
gegenwärtigen Vorschlägen nicht eingegangen werden.
VI.
Die Verbindung der neuen Knnstgewerbeschule mit dem
Mus enm, die zuerst von der Handels- und Gewerbekammer angeregt und
bevorwortet, und neuerlich wieder in dem Jahresbericht des Vereines der
österreichischen Industriellen tiir das Jahr 1865 betont werden ist, und
mit Rücksicht auf die beiderseitigen Zwecke dieser Anstalten im höchsten
Grade angemessen erscheint, ist für die Stsatsverwaltung, namentlich
auch in tinancieller Beziehung von grosser Tragweite.
Die bedeutenden Lehrmittel und Behelfe, über welche das Museum
vertilgt, die Vorlesungen, die „M.ittheilungen", die eigenen Sammlungen,
die Bibliothek, das photographische Atelier, die Gypsgiesserei, wovon
mehrere unter andern Verhältnissen bei der Kunstgewerbeschule neu an-