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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 225)

sorglos vorgegangen. Ist es nicht ein trauriger Anblick, zu sehen, wie viel

Fleiß und Mühe, wie viel Geschicklichkeit und Zeit, wie viel treffliches

Material und gutes Geld manchmal aufgewendet wird, um Entwürfe zur

Ausführung zu bringen, bei welchen der Dilettantismus an allen Ecken

und Enden zum Vorschein kommt? Es fehlt unseren Meistern keineswegs

an Routine, und der Laie dürfte selten mehr als ein unbestimmtes Unbehagen

 beim Anblick dieser Möbel empfinden. Der Fachmann dagegen

sieht, wie der Tischler ursprünglich gute aber ältere Vorbilder benützt

und, um etwas Neues zu schaffen, über Veränderungen, Weglassungen und

Zuthaten ganz nach Belieben verfügt hat. Es gehört aber doch etwas

mehr dazu als handwerkliche Routine, wenn bei solchem Vorgehen der

ursprüngliche Entwurf nicht ganz seines künstlerischen Werthes beraubt

werden soll. lst es ja selbst für Künstler in der Regel leichter, eine

Zeichnung neu zu entwerfen, als an einem fertigen Entwurf wesentliche

Veränderungen vorzunehmen, die keine Verschlechterung bedeuten.

Ein anderer Vorgang, der ebenfalls häufig beliebt wird, ist wo möglich

noch schlimmer. Eine Menge von jungen Leuten ohne Kenntnisse und Talent,

 die an irgend einer Realschule, Akademie oder technischen Hochschule

einige Jahre zugebracht haben, zeichnen in freien Stunden wOriginal-Entwürfeu

 und wandern damit von Werkstätte zu Werkstätte bis sie den

Meister finden, der gegen klägliche Entlohnung diese Bettelwaare an sich

nimmt, um sie gelegentlich als Vorlage zu benützen. - Wenn unter diesen

Umständen nicht in den nächsten Jahren schon ein deutlich erkennbarer

Rückschritt constatirt werden soll, so muss mit allen Mitteln darauf hingewirkt

 werden, dass die Wiener Tischler nach guten Entwürfen arbeiten,

und sich dieselben nur von dazu berufenen Künstlern verschaffen. Dagegen

müsste bei zu weit gehendem Selbstvertrauen der Tischler nach und nach

eine höchst nachtheilige Verwilderung in künstlerischer Beziehung Platz

greifen. Gegenwärtig ist ein solcher Gang der Dinge nur in den ersten

Symptomen erkennbar, denn die überwiegende Mehrzahl unserer Tischler

hat sich eine manuelle Geschicklichkeit erworben, vermöge deren sie noch

auf lange hin ihren Arbeiten gewisse bestechende Eigenthümlichkeiten zu

verleihen im Stande sein wird, und das gesammte Handwerk hat sich

mehr als irgend eines in die modernen Anforderungen eingelebt und eingearbeitet.

 Am aulTallendsten gibt sich dies zu erkennen, wenn wir die

Ausstellungs-Kataloge der letzten zehn Jahre mit einander vergleichen.

Da finden wir von Jahr zu Jahr neue Namen, bis dahin unbekannte Firmen,

und es war nicht das Schlechteste, was sie brachten. lm Gegentheil, es

fanden sich darunter manchmal höchst gelungene Arbeiten. Freilich

kommen auch Missgrilfe in der Wahl des Entwurfes gerade bei diesen

Leuten nicht selten vor. Die Sucht Neues, noch nie Dagewesenes zu

bringen ist nirgends größer als bei Jenen, die in entlegenen Bezirken

Wiens eine bescheidene und unbeachtete Existenz führen, und mancher
            
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