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Full text: Die Ausstellung oesterreichischer Kunstgewerbe 4. November 1871 - 4. Februar 1872

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übernommen und die Ausführung Herrn Wechselmann überlassen, 
welcher zu. diesem Zwecke eine Subvention erhält. In diesem Berichte 
wird nun erzählt, es sei Klage darüber geführt worden, dass die von 
Herrn Wechselmann an die Spitzenhändler und Factoren zur Be 
nützung hinausgegebenen Muster nicht durchgehends geschmackvoll und 
neu seien, und dieser rechtfertigt sich damit, dass er »bei der Errichtung 
der Musterwerkstätte und noch fortlaufend Tausende der geschmack 
vollsten Zeichnungen den Factoren zur unentgeltlichen Benützung gestellt 
habe, und sie hätten davon zu Hunderten und jedenfalls mehr davon 
entnommen, als sie benutzen konnten.« 
Man erkennt aus diesem Streit, dass die Spitzenfabrikanten im Erz 
gebirge noch immer glauben, man könne sich mit schon anderswo be 
nützten Zeichnungsvorlagen begnügen, und dasselbe Muster wie der 
Bobinet-Fabrikant!, der Cattundrucker, der Seidenweber oder Damast 
weber vfele Mal ausführen lassen. 
Das ist gerade der Irrthum, welcher die Spitzenfabrication im böh 
mischen Erzgebirge und auch im benachbarten Sachsen in einem Banne 
hält, der sie nicht die Vollkommenheit erreichen lässt, zu welcher sie in 
Frankreich und Belgien gelangt ist, daher auch diese den Weltmarkt 
darin beherrschen. 
Der Werth der edlen Spitze, sei sie mit der Nadel oder 
mit den Klöppeln gearbeitet, besteht in der Originalität der 
schönen Zeichnung. Die eigens für eine Spitze, sei dieselbe ein 
ganzes Kleid oder ein Shawl oder eine Barbe, entworfene und ausgeführte 
schöne Zeichnung macht sie zu einem Unicum, das sich zu einer gewebten 
Spitze wie eine freie Handzeichnung zu einem Holzschnitt oder Kupfer 
stich verhält und die letztere so sehr an Werth übertrifft. 
In Frankreich, in Belgien wird eben jede Spitzenrobe und jede grös 
sere Spitzenarbeit nach einer besondern Zeichnung ausgeführt und diese 
entwerfen für dieses Fach ausgebildete Zeichner, die wahre Künstler 
sind. Allerdings arbeiten diese, wie jeder Zeichner für Kunstgewerbe, nach 
Mustern und Ornamentvorlagen, allein sie lassen dadurch ihre Phantasie 
nur anregen und passen sie dem Stoffe an, wodurch die Zeichnung zur 
Darstellung kommt. 
Hierbei macht sich nun die Arbeit der Nadel und der Spitzenklöppel 
ganz besonders geltend. In der freiesten Weise folgt sie mit dem Con- 
tourfaden dem Zuge der freien Handzeichnung und ist im Stande alle 
Formen zum deutlichen Ausdruck zu bringen; in der gefälligsten Weise 
füllt der Faden an der Nadel und füllen die an den hunderten kleinen 
Klöppeln befestigten Fäden die Zwischenräume der starken Contouren 
mit dem verschiedenartigsten Netzwerk, wie es der Webstuhl und die 
Bobinetmaschine nimmer vermag, und so kommen die Meisterwerke jener 
Spitzenroben, Schleier, oder Volantes, Barben u. s. w. zu Stande, welche 
auf dem Untergründe von blauem, grünem oder rothem Sammt oder auf
	        

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