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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 4)

In der zweiten Vorlesung lenkte Custos Falke die Aufmerksamkeit seiner 
Zuhörer auf die Geschmackszustände in Italien in derselben Zeit, deren Physiognomie dies- 
seits der Alpen er in der vorigen Vorlesung charnkterisirt hatte. Hier begegnen wir nicht 
der Bath- und Haltlosigkeit, welche in Deutschland ein Durcheinander der widerstrnbend- 
sten Principien und Neigungen schufen; Literatur und Kunst wenden sich gleichmässig der 
einen Quelle der Verjüngung, dem Alterthume, zu und erfüllen das gesammte Leben des 
15. Jahrhunderts mit einem gewissen Abglanz classischen oder heidnischen Glauzes. Allein 
die Welt der Erscheinungen ist darum kaum weniger mannigfaltig, da das wiedererweckte 
Griechen- und Römerthum die Elemente, welche es vorfand, nicht einfach verdrängte, son- 
dern mit denselben eine Verbindung einging, aus der eben der neue Styl der Renaissance 
hervorging. Noch bestand die Gothik in der Architektur, die Literatur nahm eben damals 
einen nationalen Aufschwung, die Hinueigung zum Naturalismus in der Kunst war auch 
in Italien vorhanden und spricht sich in der Ornamentik der Friihrenaisaance aus, antikes 
Heidenthum musste sich auf der einen Seite mit der Prachtliebe und eitlen Weltlust der 
Zeit, auf der andern mit christlicher Frömmigkeit versöhnen. Genaueres Studium der Natur 
erlöste die Figurenzeichnung aus ihrer mittelalterlichen Steifheit und Gebundenheit, die 
Antike lehrte im Ornament die Natur veredeln und deren Formen so darstellen, wie die 
Natur ohne zufällige Störungen und Ableitungen sie ausgeführt haben würde, und eine be- 
sondere Ausbildung fand das Relief, welches in dieser Zeit nicht nur als alte, mezso, baue, 
sondern auch als banissinw reliwo erscheint. Das Studium der Schriften und Kunstwerke 
des Alterthums wird befördert und verallgemeinert durch die Erfindung des Buchdrucks, 
des Holzschnitte und des Kupfurstichs, und die Fliege der Literatur und Kunst wird all- 
gemeines Lebensbediirfniss. Die Künstler üben nicht einen einzelnen Zweig der bildenden 
Kunst aus, sondern sind zugleich Maler, Bildner, Baumeister und bewandert in der Lite- 
ratur, oft selbst productiv in derselben. Die Fürsten erkannten es mindestens als Ehren- 
sache, Wissenschaft und Kunst zu schützen und zu ptlegen und sich durch dieselben das 
Leben zu verschönern, wenn sie nicht selbst die Schüler ihrer Schützlinge wurden. 
Die grössten künstlerischen Genies dieser schönen Zeit, ein Rafael und Michel 
Angeln, gehören nicht eigentlich in diese Betrachtung, da sie über der Strömung des Zeit- 
geschmackes erhoben blieben, aber sie gehören doch wieder hieher, weil sie die letztere für 
die nächste Zukunft bestimmten. Aber in seiner Reinheit erhielt sich der Styl der Renais- 
sance nur, so lange ein so mächtiges Kunstgetiihl die schöpferische Thiitigkeit leitete. Als 
dasselbe in ihren Nachfolgern geringer wurde, trat auch alsbald an die Stelle der Harmonie 
Willkür und Ueberladung und die reine Renaissance artete in den Barockstyl ans. Die 
ersten Ausgrabungen römischer Bauwerke (Grotten, daher „grotesker Styl") Rihrten die 
phantastische Omamentik ein, welche wir aus Pompeji kennen. Das heidnische Ornament 
drang auch in die kirchliche Baukunst ein. Die Richtung auf das Seelische im Christen- 
thume war mit der antiken Körperschiinheit bei Rafael und Leonardo da Vinci in 
jene harmonische Verbindung getreten, welche wir an deren Madonnen u. s. w. bewundern; 
durch Michel Angele wurde das Körperliche, das Nackte ganz in den Vordergrund ge- 
stellt uud seine Nachahmer, weniger gewaltigen Geistes als ihr Meister, hielten sich au das 
Aeusserliche seiner Art und übertrieben das Kolossalc in den Formen, die Energie in den 
Bewegungen. 
Der Eintluss der acbitektonischen Formen der Renaissance iiusserte sich auch auf 
das Kunstgewerbe, insofern der Kuppelbau, der Rundbogen nothwendig eine entsprechende 
Gestaltung der Altlire, Tabernakel u. s. w. bedingten. Indessen hütete sich die Kleinkunst 
vor einer so unmittelbaren Nachahmung des Baustyls, wie sie in der gothischen Zeit zu 
beobachten ist, und hielt sich mehr an die Plastik. Ausgezeichnetes leisteten vor allen die 
Kunsttischlerei, die Goldschlniedekunst (Benvenuto Cellini) und die Keramik, welche in 
dieser Zeit durch die Majolikeu bereichert wurde, einen Kunstzweig, dessen  gmllß 
Beliebtheit verständlicher wird, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die so bemalten Ge- 
fässe nicht sowohl Eir den Gebrauch, als dazu bestimmt waren, in Credenzen und Schränken 
aufgestellt den Speisesaal zu schmücken. 
Der Redner schloss mit der Bemerkung, dass die Renaissance selbst in der Zeit ihrer 
Entartung immer noch ein ungleich erfreulicheres Bild gewähre als die völlige Principien- 
losigkeit der Gegenwart. 
Kleinere Mittheilungen. 
[Zum Programm der Vorlesungen. In der Reihenfolge der Mueenme-Vorleeun- 
gen ist eine Aenderung eingetreten. Herr Dom umeieber Friedrich Schmidt beginnt den 
Cyelus seiner Vorlesungen „über die mittelalterliche Kunst mit besonderer Beriieksichügllllg 
der kirchlichen und weltlichen Kleinkunst" Donnerstag den 18. Jiinner (6 Uhr Abende); Herr 
Baudirector Rnppert hält den angekündigten Vortrag über Briickenbenten von großer
	        

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