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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 212)

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[ich meine die Angabe der Lebensdauer mit 37 Jahren und die Stelle: quo 
die natus est, eo esse desiit]. Das andere Element hat er wohl aus der 
Tradition oder sonst woher, nur nicht aus der Grabschrift. Dieses zweite 
Element erblicke ich in der Angabe des Charfreitags, welche in der 
Grabschrift nicht enthalten ist. 
lch stelle mir Vasari's Vorgang so vor: er will zu den von ihm 
schon geschriebenen Künstlerbiographien auch eine Raphael-Biographie 
hinzufügen. Er hatte wenig Material, wenig an Documenten, am aller- 
wenigsten solche über des Künstlers Geburt, von welcher aber doch in 
der Biographie gesprochen werden muss. Erfahren hat er, dass Raphael 
an einem Charfreitag gestorben sei; er liest dazu in der Grabschrift die 
Jahreszahl 1520, die 37 Jahre und die Stelle: wquo die natus est, eo esse 
desiitr- und leitet sich daraus das Geburtsdatum ab. - Was liegt naher 
als anzunehmen, Vasari habe auf die Beweglichkeit des Osterfestes somit 
auch des Charfreitags vergessen. habe einfach von t52o 37 Jahre abge- 
zogen und sei in der Meinung gewesen, er komme mit dieser Rechnung 
gerade auf den Charfreitag von 1483 als den Geburtstag RaphaePs, ohne 
sich im Mindesten klar zu machen, auf welches Datum diese beiden 
Charfreitage fallen. 
Es ist mir nämlich nicht möglich gewesen, auch nur eine Stelle in Va- 
sari zu finden, welche den Rückschluss gestatten würde, Vasarihabe irgendwo, 
sei es der Osterrechnung, sei es der Chronologie überhaupt auch nur einige 
Aufmerksamkeit geschenkt. Man mag Vasari so hoch halten als man will, 
für unfehlbar wird ihn doch gewiss Niemand halten. Dass ihm zahlreiche 
Oberflächlichkeiten nachgewiesen sind, läßt sich nicht abstreiten, und gerade 
in unserem Falle kommt er mir besonders flüchtig vor. Deshalb gebe ich 
auch weit mehr auf Bembds Zeugniss, als auf das des Aretiners. 
Wie schon angedeutet, kann dergleichen Leichtsinn und ein lgno- 
riren der Beweglichkeit des Osterfestes einem gelehrten Cardinal nicht 
zugemuthet werden. Thausing hat erst vor wenigen Tagen dasselbe Thema 
in einem Feuilleton behandelt und die Autorität eines Bembo und seiner 
Grabschrift mit folgenden Worten gekennzeichnet: 
nPietro Bembo, als einer der größten Gelehrten der Zeit, als Prälat 
der römischen Kirche, war sich des Wechsels der Ostertage sicher vollständig 
bewusst, als er Raphael jene Grabschrift setzte. Die deutlichen und ganz 
ausdrücklichen Worte derselben können nur so verstanden werden, dass 
er den 6. April, wie als den Todestag, so auch als den Geburtstag 
Raphael's ansah. Er war auch über das Datum von dessen Geburtstag 
sicher genau unterrichtet und wäre er es nicht gewesen, so waren es sicher 
die Anderen, welche am Sarge des vielbetrauerten Freundes standen. 
Eine irrige Angabe hätte sich daher damals nicht in das Epitaph ein- 
schleichen können, ohne auf Widerspruch seitens der Eingeweihten zu 
SIOSSBILa
	        

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