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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

oder der Grundsteinlegung ihres Hauses, das von Geschlecht 
zu Geschlecht so umgebaut, erweitert und vergrößert war, 
daß man sich gar nicht mehr vorstellen konnte, aus wie 
kleinen Anfängen es hervorgegangen. 
Und wenn einer der Väter der Stadt mit dem Tode abging, 
wurde eine unvergleichliche Trauerfeierlichkeit abgehalten. 
Die ganze Stadt flaggte auf Halbmast, wie auch die Lust 
jachten und Segelboote im Hafen, und alle Läden wurden 
geschlossen. Teure schwarze Decken wurden verschrieben, 
die Gassen zu belegen, die Gesangs- und anderen Vereine 
zogen in einem, wie man sagt, endlosen Zuge unter dumpfer 
Hornmusik durch die Straßen, und auf dem Sarge, den man 
vor Blumen nicht sah, lagen Palmen und Eichenkränze. Am 
Grabe wurde im Chor gesungen und der Pfarrer rief alle 
Anwesenden zu Zeugen an, welch edler Gastgeber und gast 
freier Mann der Hingeschiedene gewesen wäre. 
Aber einige Sonderlinge — von jener Sorte, die immer für 
sich allein gehen und niemals wie andere denken, und von 
denen keine Stadt ganz frei ist — wunderten sich darüber, 
wovon denn die Stadt eigentlich lebe. 
Da lagen keine anderen Schiffe im Hafen, als Segelschiffe 
und Lustjachten, Fischfang gab es keinen, nach der Land 
seite waren weder Wälder, die Bauholz lieferten, noch Berg 
werke, die Einkünfte verschaffen konnten. Auch keine 
Fabriken oder Handwerker, die Gegenstände solcher Art 
anfertigten, daß sie von Fremden gekauft werden konnten. 
Aber die Leute ärgerten sich darüber, daß Zweifel über eine 
Sache herrschten, die so wesentlich die Existenz der Stadt betraf. 
Das war ein Mißklang für sie. 
Und endlich wurde die Sache der hohen Universität unterbreitet. 
Alle drei Gelehrten der Fakultät strichen sich das Kinn 
und begannen zu grübeln, um die Sache zu ergründen. 
In einem Punkte erklärten sich alle drei Herren Professoren 
vollständig einig nämlich, daß keine Stadt ohne Nahrungs 
quellen existieren könnte. 
Aber dann kam der eigentliche Knoten der Frage. 
Für die fragliche Stadt konnte, trotz der genauesten und 
eingehendsten Forschungen keine einzige solche Nahrungs 
quelle nachgewiesen werden. 
Und dennoch existierte sie nachweislich. 
Da stand ihr Verstand still und sie mußten sich auf das 
Gebiet loser Vermutungen begeben. 
Der älteste und berühmteste der Professoren, der eine Schrift 
über Staatsschuld herausgegeben und darin nachgewiesen 
hatte, daß, je größer die Schuld, desto glücklicher das Volk 
sei, vermutete, daß etwas Ähnliches auch hier der Fall sein 
könnte, behielt sich aber alles vor und wollte sich zurzeit 
nicht definitiv aussprechen. 
Der zweite Professor wies nach, daß große Meere, wie z. B. 
das Kaspische, anerkanntermaßen existierten, ohne daß man 
einen sichtbaren Abfluß entdeckt hätte, und daß ein solches 
Naturspiel auch hier vorliegen könnte. 
Aber der dritte Professor wies in einer scharfen und bitteren 
Schrift nach, daß es sich hier nicht um Ablauf, sondern um Zu 
fluß handle — also um das diametral entgegengesetzte Prinzip. 
Der Streit zwischen den beiden wurde äußerst heftig in ver 
schiedenen Zeitschriften fortgeführt. 
Er würde noch fortgesetzt werden, wenn es nicht jenem 
ersten und größten Professor geglückt wäre, unwiderleglich 
und zur Evidenz die Wahrheit an den Tag zu bringen, daß 
die Bürger der fraglichen Stadt einzig und allein gegenseitig 
voneinander lebten. 
Und er wies in einem Werke von sechs Bänden nach, daß 
dasselbe bei vielen anderen Städten der Welt auch der 
Fall wäre. 
DAS KLEINE HAUS. 
(Mit englischen Bildern nach den Architekten Charles Mackintosh, 
Baillie Scott und Lutyens.) 
n England geht das Streben der jetzigen Architektenschule 
dahin, den von den Spekulanten geschäftsmäßig-schema 
tisch betriebenen Bau von kleinen Wohnhäusern, die im 
allgemeinen auf eine schablonenhafte Verkleinerung des 
großen Hauses hinauslaufen, durch bessere Lösungen, die 
sich organisch an die gegebenen kleinen Verhältnisse an 
schließen, zu verdrängen. Hermann Muthesius beleuchtet 
diese Verhältnisse in seinem großen Werke „Das englische 
Haus“, dessen II. Band soeben erschienen, und dessen aus 
führliche Besprechung wir uns Vorbehalten. Eine bezeich 
nende Stelle dieses Bandes besagt: „Wer sich aber klar 
macht, daß selbst in England von hundert Häusern, die 
gebaut werden, kaum fünf in die Hände von Architekten 
fallen, der weiß, wie schwer dieses Beginnen ist, ganz ab 
gesehen davon, daß der kleine Spießbürger diesen Jammer 
palast, den ihm der Bauunternehmer liefert, gerade will und 
liebt.“ Also ganz wie bei uns. Wo aber die Sache bei rechtem 
Ende angefaßt wird, kommt ausschließlich Gutes zu stände, 
wie diese Beispiele zeigen und die Fülle von Belegmaterial im 
genannten „Das englische Haus“. Dort wird von der klein 
sten Form des Landhauses berichtet, daß es einschließlich 
der bewohnbaren Halle nur zwei Räume habe. „Diese Art 
Haus wird dann mit vollem Recht als ,cottage' (Hütte) be 
zeichnet, während man heute diesen Namen selbst auf 
Häuser mit reichlichen Bequemlichkeiten auszudehnen be 
liebt, allerdings aus Gründen, die sich mehr auf das Gepräge 
als auf die Anlage beziehen. Das erste Stockwerk ist beim 
kleinen Landhause stets von den Hauptschlafzimmern, den 
Kinderzimmern und den Fremdenzimmern eingenommen. 
Das ausgebaute Dachgeschoß enthält Dienstbotenzimmer, 
falls nicht etwa noch weitere Fremdenzimmer und ein Spiel 
zimmer für die Kinder dort angelegt werden.“ Lösungen dieser 
Art sind unsere Illustrationsbeispiele, darunter eines, als 
vielleicht das kleinste der Landhäuser, von Charles Mackintosh 
erbaut, nur mehr als £ 200.— gekostet haben soll. Charakte 
ristisch ist der Gasthofbau von Lutyens mit der sorgfältigen 
Abgrenzung des stattlichen Baumes, der dadurch wie ein 
Architekturbestandteil am Hause mitwirkt; ferner die Schönheit 
der geschlossenen Hoffnauern, und endlich überhaupt die 
strenge Sachlichkeit und Einfachheit dieser Wohnhäuser, 
die eben darin schön sind. Von der herrschenden Strömung 
nach dem Landleben besagt „Das englische Haus“, daß die 
jetzt überall wie Pilze aus der Erde schießenden kleineren 
Landhäuser sprechende Zeugen dafür sind. 
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